Methode

Der Transformationsindex der Bertelsmann Stiftung (BTI) untersucht und bewertet, ob und wie Entwicklungs- und Transformationsländer einen gesellschaftlichen Wandel in Richtung Demokratie und Marktwirtschaft gestalten. Anhand eines standardisierten Codebuchs prüfen Länderexperten für jeden der 129 untersuchten Staaten, inwieweit insgesamt 17 Kriterien erfüllt wurden. Sie vergeben dafür nicht nur Punkte, sondern erläutern in ihren online verfügbaren Ländergutachten auch die Analyse, die den numerischen Bewertungen zugrunde liegt. Ein zweiter Ländergutachter überprüft die Darstellungen und Bewertungen im Gutachten. Danach wird die Stimmigkeit der insgesamt 49 Einzelwerte pro Land im regionalen und interregionalen Vergleich überprüft und verabschiedet. Durch die Standardisierung der Untersuchung werden gezielte Vergleiche von Reformpolitik möglich.

Der BTI verdichtet die Ergebnisse dieser umfassenden Untersuchung von Transformationsprozessen und politischen Gestaltungsleistungen zu zwei Indizes: Der Status-Index erfasst mit seinen zwei Untersuchungsdimensionen (politische und wirtschaftliche Transformation) den Entwicklungsstand und verortet die 129 Länder auf dem Weg zu einer rechtsstaatlichen Demokratie und einer sozialpolitisch flankierten Marktwirtschaft. Der Management-Index beurteilt die Qualität der politischen Gestaltungsleistung.

Der BTI erscheint alle zwei Jahre. Die kontinuierliche Messung erlaubt es, beobachtete Trends über einen längeren Zeitraum zu überprüfen und die Effekte von transformationspolitischen  Strategien zu ermitteln. Dadurch erweitert der BTI das Steuerungswissen politischer Entscheidungsträger und ihrer externen Unterstützer. Insgesamt bietet der BTI ein umfassendes Datenwerk zur Beurteilung und zum Vergleich von Erfolgsfaktoren und Fehlentwicklungen in Entwicklungs- und Transformationsländern.

Untersuchungsrahmen

Der Status politischer Transformation (Demokratie-Status) wird anhand von fünf Kriterien erhoben, die auf der Grundlage von 18 Indikatoren bewertet werden. Das Demokratieverständnis des BTI geht weit über andere Definitionen von Demokratie hinaus, die sich vorrangig auf elementare Bürgerrechte und die Durchführung von freien Wahlen beschränken. Es umfasst eine Untersuchung der Staatlichkeit mit Fragen zum staatlichen Gewaltmonopol und zu den Verwaltungsstrukturen eines Landes als Voraussetzung für politische Transformation ebenso wie die Analyse der Rechtsstaatlichkeit mit Blick auf Gewaltenteilung oder die Ahndung von Amtsmissbrauch. Zudem wird untersucht, inwieweit  das demokratische System im Hinblick auf seine Akzeptanz, Repräsentativität und die politische Kultur konsolidiert ist.

Der Status wirtschaftlicher Transformation (Marktwirtschafts-Status) ergibt sich aus sieben Kriterien, die mithilfe von insgesamt 14 Fragen untersucht werden. Die dem BTI zugrunde liegende Vorstellung von sozialpolitisch flankierter Marktwirtschaft schließt nicht nur Aspekte wie wirtschaftliche Leistung, Wettbewerbsordnung und Eigentumsrechte ein, sondern auch Kriterien wie sozialen Ausgleich, Chancengleichheit und Nachhaltigkeit. Umfassende Entwicklung zielt nach dem Verständnis des BTI nicht nur auf Wirtschaftswachstum  ab, sondern erfordert erfolgreiche Armutsbekämpfung und Handlungs- und Entscheidungsfreiheit für möglichst viele Bürger.

Der Management-Index ergibt sich aus der durch vier Kriterien ermittelten Steuerungsleistung, die mit 14 Fragen untersucht und durch einen Schwierigkeitsgrad gewichtet wird. Dieser wird aus je drei qualitativen und drei quantitativen Indikatoren ermittelt und trägt der Beobachtung Rechnung, dass die Qualität des Transformationsmanagements von strukturellen Rahmenbedingungen im jeweiligen Land beeinflusst wird. Politische Steuerungsleistungen werden daher umso höher bewertet, je schwieriger die Ausgangsbedingungen sind.

Der Management-Index überprüft und bewertet die Reformpolitik der politischen Entscheidungsträger. Er gibt so Aufschluss über den zentralen Faktor, der über Erfolg und Misserfolg auf dem Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft entscheidet. Erfolgreiches Transformationsmanagement beinhaltet, dass Regierungen ihre Ziele konsequent verfolgen, ihre Ressourcen klug und effektiv nutzen, einen möglichst breiten Konsens über Transformationsziele herstellen sowie mit externen Unterstützern und Nachbarstaaten zuverlässig zusammenarbeiten. Als weltweit einziger Index stellt der BTI damit die Governance der maßgeblichen politischen Akteure mit selbst erhobenen Daten in den Mittelpunkt der Analyse.

Länderauswahl

Da der BTI seinen Fokus auf die normativen Ziele rechtsstaatliche Demokratie und sozialpolitisch flankierte Marktwirtschaft richtet und die politische Steuerung auf dem Weg zu diesen Zielen analysiert, sind all jene Länder von der Untersuchung ausgeschlossen, deren demokratisches System über einen längeren Zeitraum als konsolidiert und deren wirtschaftlicher Entwicklungsstand als weit fortgeschritten angesehen werden kann. Dies soll nicht suggerieren, dass mit dem Erreichen der beiden Ziele ein statischer Endzustand erreicht ist, sondern den Umstand berücksichtigen, dass sich Reformbedarf und -prioritäten sowie Politikinhalte nach der Konsolidierung von Demokratie und Marktwirtschaft von jenen in Transformationsprozessen unterscheiden.

In Ermangelung einer klar definierbaren »Konsolidierungsgrenze« berücksichtigt der Transformationsindex daher all diejenigen Länder nicht, die bereits 1989 Mitglieder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) waren.

Kleinstaaten mit weniger als zwei Millionen Einwohnern (bis zum BTI 2006: drei Millionen) werden im BTI nicht berücksichtigt. Da aber eine strikte Anwendung dieses Kriteriums zum Ausschluss einiger besonders interessanter Entwicklungs- und Transformationsprozesse führen würde, sind Bahrain, Bhutan, Estland, Katar, Kosovo, Mauritius und Montenegro als Ausnahmefälle ebenfalls aufgenommen.

Seit 2003 hat sich die Zahl der untersuchten Länder von 116 auf 129 erhöht. Sie werden in sieben regionale Gruppen unterteilt: Ostmittel- und Südosteuropa (17 Länder), Lateinamerika und die Karibik (21), West- und Zentralafrika (18), Südliches und östliches Afrika (20), der Nahe Osten und Nordafrika (19), das postsowjetische Eurasien (13) sowie Asien und Ozeanien (21).

Erhebungsverfahren

Der Transformationsindex basiert auf einer qualitativen Expertenbefragung, in der verbale Einschätzungen in numerische Bewertungen übersetzt und in einem mehrstufigen Review-Prozess überprüft und sowohl intra- als auch interregional vergleichbar gemacht werden. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass die qualitativen Einschätzungen der Experten auch eine Evaluation jener Faktoren von politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ermöglichen, die sich einer rein quantitativen Bewertung entziehen. So kann beispielsweise zwischen de jure zugestandenen Rechten und deren faktischer Umsetzung unterschieden, können Aussagen zur Einbindung der Zivilgesellschaft in politische Entscheidungsprozesse und zum Ausmaß des Sozialkapitals gemacht und nicht zuletzt die Regierungsqualität bewertet und verglichen werden. Sachverhalte wie Verfassungsregelungen oder offizielle Wirtschaftsdaten können zudem im Kontext interpretiert und gewichtet werden. Die umfassenden Länderanalysen, die dabei entstehen, machen die Bewertungsgrundlage für jeden der insgesamt 6.708 BTI-Einzelwerte vollständig transparent und überprüfbar.

Andererseits bleibt bei einem solchen Verfahren der qualitativen Expertenbefragung ein gewisses Maß an Subjektivität. Im BTI-Erhebungsprozess wird dies sowohl während der Erstellung der Gutachten und Bewertungen als auch bei der Überprüfung der Daten berücksichtigt. Er ist so konzipiert, dass subjektive Faktoren während des gesamten Prozesses durch unterschiedliche Maßnahmen so weit wie möglich minimiert werden.

Die Bewertung der Staaten erfolgt durch jeweils zwei Länderexperten. Um sowohl die externe als auch die interne Perspektive bei der Länderanalyse zu berücksichtigen und die Objektivität zu erhöhen, werden in der Regel je ein auswärtiger und ein lokaler Gutachter in das Bewertungsverfahren eingebunden. Insgesamt arbeiten 246 Experten aus führenden Forschungsinstitutionen in aller Welt an der Erstellung der Ländergutachten und der Bewertung der Indikatoren mit.

Grundlage des Erhebungsprozesses ist ein standardisiertes Codebuch, das einen einheitlichen Bezugsrahmen für die qualitative und quantitative Beantwortung der Fragen vorgibt und in dem die einzelnen Kriterien und Fragen erläutert werden. Die Erstgutachter erstellen auf Basis der im Codebuch erläuterten Kriterien und der damit verbundenen insgesamt 49 Fragen zu jedem Untersuchungsland ein ausführliches Gutachten. Die Zweitgutachter überprüfen, kommentieren und ergänzen diesen Länderbericht. Zudem sind die Ländergutachter gehalten, bei der Beantwortung von elf der 49 Fragen auch ein Set von 36 externen quantitativen Indikatoren (von Inflationsrate bis Bildungsausgaben) einzubeziehen. Unabhängig voneinander überführen die beiden Ländergutachter das Gutachten in eine numerische Bewertung auf einer Skala, die von 1 (schlechteste Bewertung) bis 10 (beste Bewertung) reicht und durch vier im Codebuch ausformulierte  Bewertungsniveaus strukturiert wird. Die Länder werden im Hinblick darauf bewertet, ob und inwieweit sie den vorgegebenen Bewertungsniveaus entsprechen und die Kriterien des BTI erfüllen.

Um die Validität, Reliabilität und Vergleichbarkeit der Bewertungen zu gewährleisten, wird jeder Einzelwert einer mehrfachen Prüfung durch die Ländergutachter, die Regionalkoordinatoren, das Projektteam und das BTI-Board unterzogen. Die numerischen Gutachterbewertungen und die textlichen Ausführungen zu jeder der 49 Fragen werden zunächst von den Regionalkoordinatoren für die Länder ihrer jeweiligen Region auf inhaltliche Vollständigkeit und Stimmigkeit geprüft. Die Regionalkoordinatoren sind ländervergleichend arbeitende Politikwissenschaftler, die sämtliche Arbeitsschritte des Erstellungsprozesses begleiten und mit ihrer Regionalexpertise die hohe Qualität der Ländergutachten sicherstellen. Sie kalibrieren im Folgenden die Werte ihrer Länder intraregional, bevor sie gemeinsam mit dem Projektteam alle Punktwerte für jedes der 129 untersuchten Länder interregional abgleichen und auf ihre Vergleichbarkeit und Tragfähigkeit hin prüfen. Abschließend werden alle Werte noch einmal vom BTI-Board diskutiert und verabschiedet. Das BTI-Board ist ein Gremium aus renommierten Wissenschaftlern und erfahrenen Praktikern im Bereich Entwicklung und Transformation, das die Untersuchung kontinuierlich methodisch und inhaltlich unterstützt.

Indexbildung

Der Status-Index wird gebildet, indem aus den Gesamtwerten der Untersuchungsdimensionen zur politischen und wirtschaftlichen Transformation der Mittelwert berechnet wird. Für beide Untersuchungsdimensionen gilt: Der Status der Transformation entspricht dem Mittelwert der Kriterienbewertungen, die wiederum auf den Mittelwerten für die jeweils gleich gewichteten Bewertungen der dem Kriterium zugeordneten Indikatoren basieren.

Die Zusammenfassung der beiden Untersuchungsdimensionen in einen Status-Index folgt der normativen Ausrichtung des BTI, Transformation stets als umfassenden Wandel zu Demokratie und Marktwirtschaft zu verstehen.

Der Management-Index wird gebildet, indem zunächst aus den Punktwerten für die Managementkriterien ein Mittelwert berechnet wird, der dann mit dem Schwierigkeitsgrad verrechnet wird.

Demokratien und Autokratien

Die Indikatoren zum Entwicklungsstand der politischen Transformation werden auch für die Entscheidung herangezogen, ob ein Land als Demokratie oder als Autokratie einzustufen ist. Entscheidend ist dafür nicht nur, ob hinreichend freie und faire Wahlen abgehalten werden. Entsprechend dem umfassenderen Demokratieverständnis des Transformationsindex werden viel mehr zunächst sechs Schwellenwerte betrachtet, die als Minimalwerte zu verstehen sind. Wird auch nur ein Wert unterschritten, wird das Land als Autokratie eingestuft.

Der Gruppe der Autokratien werden außerdem „failing states“ zugeordnet, also Staaten, in denen das staatliche Gewaltmonopol und grundlegende Verwaltungsstrukturen so stark eingeschränkt sind, dass die Regierung kaum handlungsfähig ist (der Mittelwert aus den Fragen 1.1 und 1.4 beträgt weniger als 3 Punkte).

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